_ „Zeichnen ist wie ein ständiges Schwanken zwischen Kontrolle und Loslassen. Meiner Erfahrung nach erfordert ein befreites, sich am Sinnlichen haltendes Zeichnen, eine Art unüberlegtes Steuern, einen besonderen Denkmodus, der sich auf der Schwelle zwischen Empfinden und Begreifen, zwischen aktiv und passiv bewegt. Somit steht für mich die Frage danach im Raum, wie weit die Beziehung von Denken und Zeichnung in Rückkoppelung steht.“

In der Hochschule wie in ihrem Studio experimentiert Anna Rosa Rupp mit sich in verschiedenen Stimmungen und Atmosphären, mit wechselnden Zeichenmaterialen und -oberflächen, in immer neuen Formaten und Skalierungen, mit Zeitpunkt und Dauer ihrer zeichnerischen Praxis. „Beim „Abzeichnen“ meiner Umgebung begreife ich die Innerlichkeit durch das Übertragen in meine eigene Innerlichkeit — es geht ja durch mich „hindurch“ muss.“ Immer ist der Zeichenprozess in einem Synchronisierungsprozess von innen und außen, von Befindlichkeit und Erscheinungsform verankert. Der Schriftsteller und Philosoph Paul Valéry beschrieb es so: “Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Sehen von etwas ohne den Stift in meiner Hand und dem Sehen während des Zeichnens. Oder vielmehr sind es zwei voneinander verschiedene Dinge, die wir sehen. Selbst das uns vertraute Objekt wird etwas Anderes, in dem Moment, wo wir uns bemühen, es zu zeichnen. Wir verstehen, dass wir es ignoriert haben, dass wir es niemals wirklich zur Kenntnis genommen haben. […] man muss dieses Sehen wollen und das Gesehene wird zur Zeichnung, zu Mittel und Zweck zugleich.“ (1) Diese Doppelnatur der Zeichnung, sowohl Ausdruck zu sein und Eindruck zu machen und somit im Zeichenprozess in eine Art performatives Wechselspiel einzutreten, ist zentral für die Denk- und Arbeitsweise von Anna Rosa Rupp.

Wenn sie über Handwerk spricht, dann verändert der Begriff seine Konnotationen. In ihrer künstlerischen Arbeit ist die Hand keine ausführende, sondern eine „denkende“. Sie fragt nach dem „Bewusstsein der Hand“, nach den Informationen und Codierungen, die in der Hand als Wahrnehmungsinstrument und universalem Werkzeug eingelagert sind und wie sie Einfluss auf die Zeichnung nehmen: „Für mich ist Zeichnung eine körperliche Erfahrung, da es eher meine Hand ist, die zeichnet, als meine begrifflichen Gedanken. Mein Anliegen ist es, die Körperlichkeit der Zeichnung zu betonen, und den ganzen Körper zeichnen zu lassen. Damit wird Zeichnung automatisch raumgreifender und auf die Linie „endlos“. Das Medium, durch das sie sichtbar wird, kann somit vielseitig sein.“

Für Anna Rosa Rupp ist die Zeichnung eine Art von Werkzeug, um der sichtbaren und unsichtbaren Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Sie dient dazu das Bewusstsein des Körpers zu erkunden und zugleich dem Denken Orientierung anzubieten. „Ich liebe die Zeichenübung des „Blindzeichnen“, um das „direkte“ Sehen zu üben. Dabei schaut man nicht auf das Blatt und „kontrolliert“ die gezeichnete Linie, sondern man „vertraut“ der Hand an, die Linie so nachzuführen wie die eigenen Augen die Konturen wahrnehmen, Stück für Stück. Damit öffnet man sich seiner eigenen körperlichen Wahrnehmung und das Sehen löst sich von einem begrifflichen, sprachlichen Denken und von Kontrolle.“ Wenn sie über das Zeichnen spricht, benutzt sie Begriffe und Vergleiche, die sich auch auf das Schreiben anwenden ließen, sie verbindet den zeichnerischen Prozess mit intellektuellen Bewegungen: „Die Frage nach dem Impuls, dem Puls der Zeichnung verbindet sich für mich mit der allgemeineren Frage nach dem Ursprung künstlerischer Tätigkeit im Allgemeinen: Das Spannungsfeld zwischen Denken und Erfahren ist das Spannungsfeld, im dem Kunst stattfinden kann.“

In der zeitgenössischen Kunst kann Zeichnung mit einem Finger, einem Stift oder einer Maus ausgeführt werden und sie prägt sich im Zusammenspiel mit dem Zeichengrund aus Sand, aus Papier oder als Bildschirm aus _ Anna Rosa Rupp nennt das „ein Gewebe von Spuren“. Mit dem ersten Strich entsteht ein Dialog zwischen dem / der Zeichnenden, den Werkzeugen und Materialien. Zwischen dem Markierten und dem Nicht-Markierten entsteht Bildlichkeit, die Linie synchronisiert sich das Zeichengeschehen und ermöglicht das bildnerische Handeln. Es ermöglicht die Unterscheidung zwischen diesseits und jenseits, Innen- und Außenraum, Körper und Nicht-Körper. Diese korrespondierende Polarität hat Geschichte: In der Kunstgeschichte übersetzt die Zeichnung Idee in Materie, sie ist das Interface zwischen Geist und Hand, Imagination und Realisierung.

Anna Rosa Rupp betrachtet die Linie als eine Art Gegenüber, das ihr ermöglicht, ihre inneren Dimensionen auszuloten wie auch Verbindung mit der Außenwelt aufzunehmen. Sie betrachtet eine Vielzahl von osmotischen Prozessen, denen sie mittels der Linie nachgeht. Als gestalterisches Mittel kann sie das Tatsachengewebe der Wirklichkeit beschreiben wie es überschreiben, sie kann Wissen von der Welt erfassen und es zugleich via Erscheinungsform reflektieren. Ähnlich beschriebt es der Zeichner und Maler Paco Knöller. Für ihn ist Zeichnung das „Ur-Instrument … Zeichnung sei für ihn ein Instrument, ein Messer, um einen Nerv frei zulegen.“ (2)

In der Kunst gilt das Zeichnen als das Urmedium, als primordiales Ausdrucksmittel des Menschen. Die ältesten Zeugnisse entstanden zeitlich vor den frühesten Schriftzeichen und zeichnen ist eine menschliche Uraktivität, deren evolutionäres Echo sich bis heute in jeder Kinderzeichnung wiederholt. Sie hat in der Kunstgeschichte ihren Platz gefunden und verändert sich mit den zeitgenössischen Medien. Wenn Anna Rosa Rupp über die Linie spricht, dann geht sie diesem evolutionären Echo der Zeichnung nach. „Meiner Meinung nach geht es dabei darum, DASS man zeichnet und nicht WIE man zeichnet — Zeichnung ist nur Übung …“. Immer wieder beschreibt Anna Rosa Rupp die Zeichnung als einen komplexen Prozess der Interaktion, dem performativen Reagieren auf die vorgefundene Form und die gesetzte Linie, ihre Betrachtung und Beurteilung, die Fortführung und Überarbeitung. Dabei bleibt das Verhältnis von sinnlicher Wahrnehmung und körperliche Verfasstheit, von intellektuellem Bewusstsein und intuitiven Zuflüssen, von individueller Übung und kollektiven Erbschaften ungeklärt und die Linie wird zu dem Geheimnis-führenden Faden.

In der Kunst ist die Linie unmittelbarer Ausdruck kreativer Prozesse, sie gilt als Leitmedium, um künstlerische Praxis zu verstehen und Einsicht in künstlerische Konzeptionen zu gewinnen. Sie experimentiert mit neuen Inhalten und Bildordnungen, sie spielt mit dem Verweis, dem Fragment wie mit dem Atmosphärischen. Sie nimmt sich die Freiheit, ihre Gegenstände konkret zu definieren, vage anzudeuten oder vollständig aufzulösen. Sie reflektiert ihr eigenes Potential im Gebrauch der Materialien, Werkzeuge und Techniken. Über die Dauer ihres Studiums hat Anna Rosa Rupp sich einem kontinuierlichen Abstraktionsprozess ausgesetzt, der sie figurativen Ansätzen zur Linie als eigenständigem Gegenstand künstlerischer Praxis geführt hat. Ausgehend von der Linie entwickelt sie korrespondierende Flächen und Formen, Konstrukte und Systeme. Nebeneinander entstehen Handzeichnungen und Handdrucke, die in einer Art wechselseitiger Herausforderung in das Malerische mäandern.

Ästhetik als Ort der Wahrnehmung generiert dabei die Parameter, die ihr in dem komplexen Wirkgefüge Orientierung ermöglichen. „Somit lerne ich das Äußere durch den inneren Blick kennen, auf eine körperliche unsprachliche Weise. Wenn ich gerade viel gezeichnet habe, spüre ich tatsächlich meine eigene Sensibilisierung auf das Äußere, es scheint so als wäre ein Kanal in meiner Wahrnehmung offener, durch das alles ungefilterter hindurchgeht. Persönlich habe ich so wirklich zeichnen und klarsehen gelernt.“ Beim Zeichnen kann die Hand direkt auf den Zeichengrund einwirken oder sie kann auf einem Druckstock arbeiten, wobei die Zeichnung als Abzug oder als Druck entsteht. Anna Rosa Rupp nutzt sie beide, um von der Linie zur Fläche zu kommen und von der Ebene in eine Vielzahl von Schichten.

Der Künstler Georges Braque beschrieb wie für ihn Material und Motivation miteinander verwoben waren: „Es macht mir unsägliche Lust, auf dem Gebiete der Graphik nach einer neuen Methode, nach einer neuen Technik zu suchen, um das, was ich fühle, genau ausdrücken zu können. Dabei kommt mir das Material von überall her zu Hilfe. Was den meisten graphischen Arbeiten fehlt, ist die Stofflichkeit. Ich habe lange geglaubt, dass es so sein müsse, aber es muss nicht so sein! Wenn man sich finden will, muss man sich suchen, aber nicht von einer vorgefassten Idee, sondern vom Stoff, vom Material her. Meine Absicht ist, auch ein graphisches Blatt in einen Gegenstand zu verwandeln, der stoffliche Eigenschaften besitzt und das Gefühl für Stofflichkeit anspricht. Ich fühle, dass ich mich auch darin verwirklichen kann, und das heißt, dass ich auf eine neue Art glücklich sein werde.“ (3)

2017 suchte Anna Rosa Rupp nach neuen „Stofflichkeiten“: Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule für Künste hatte sie an Zeichnungen und Drucken auf Papier und auf Wänden gearbeitet. Auf ihrem Ideengelände lagen Folien, Stoffe und Tapeten für weitere Transformationen bis sie auf die Idee traf mit Lichtprojektionen zu arbeiten: „Ich hatte den Wunsch, den Bogen Papier zu verlassen, das Blatt als den Rahmen des Materials zu brechen, ich wollte der Linie mehr Raum und Platz zu geben. Projektion, also dem Weg des Lichts in den Raum zu folgen und zu sehen, wo und wie es auf etwas trifft, war eine eindrucksvolle Entdeckung … Licht ist die Erweiterung meines Materials, nach dem ich gesucht habe.“ Sie digitalisierte ihre Drucke und experimentierte mit Projektionen auf Oberflächen, Objekten und Architekturräumen. Die Modifikationen in den Farbgefügen und die Einschreibungen des Drei-Dimensionalen waren Entdeckungen, die sie zu weiteren Experimenten veranlassten. „Ich breite Linien auf den verschiedenen Oberflächen aus und beobachte wie sie sich verändern. Mich hat die Idee gereizt meine Auseinandersetzung in Form von der Ausbreitung von Licht weiterzudenken.“ Die Vermessung des Raums mit Linien, Formen und Farben und das Zusammenspiel von appliziertem Bild und vorgefundener Architektur ermöglichte ihr die Fortsetzung der Zeichnung mit anderen Mitteln. Lichtwege wurden zu Lichtlinien, Fugenverläufe zu Strichen, Steinoberflächen zu Schraffuren, die Kubatur des Raums zur Bühne des Bildgeschehens. Die Digitalisierung ermöglichte ihr die Rückführung der Zeichen- und Druckelemente auf eigenständige Bildgegenstände und sie entwickelte Animationen, die sich an dem Entstehungsprozess und seiner Zeitlichkeit orientieren. „Es gefällt mir somit in diesem Projekt ihr eine weitere Dimension zu geben, und die Sinnlichkeit von Ästhetik, die mir wichtig ist, auf ihre Art zu steigern, indem eine Komposition begehbar wird.“

Für die Künstlerin Louise Bourgeois, für die auch in der Vernetzung biographischen Erkundens und künstlerischem Erdenkens zu neuen künstlerischen Ausdrucksformen fand, waren “Zeichnungen … unersetzlich, weil man alle auftauchenden Ideen einfangen muss wie Fliegen (…) und was macht man mit Fliegen oder Schmetterlingen? Man konserviert sie und bedient sich ihrer (…) dann entsteht aus einer Zeichnung ein Gemälde und aus dem Gemälde eine Skulptur … “. (4) Für Anna Rosa Rupp ist die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Materialien und Medien, von Formaten und Dimensionen eine Quelle von Möglichkeiten und von Motivation. Die Erscheinungen und Ausprägungen, die Abweichungen und Veränderungen, die Verzerrungen und Präzisierungen sind ihre Rohstoffe, die sie auf ihr poetisches Potential befragt.

Was für das Zeichnen im künstlerischen Prozess gilt, spiegelt sich im Zu-Schauen. Die Lichtbilder von Anna Rosa Rupp geben Raum für absichtsloses Sehen, für das Umherschweifen der Augen und das Verweilen im Augenblick. Es stellt sich etwas Betörendes ein. „So wie meine Bilder intuitiv entstehen, können sie auch intuitiv verstanden werden, ganz gedankenlos und auf eine Art verstanden werden, die nicht nach Begrifflichkeiten sucht … be-greif-bar eben.“ Anna Rosa Rupps Arbeiten leben von der bedingungslosen Offenheit und Experimentierfreude, die sie sich, ihren Arbeiten und uns, ihrem Publikum, zumutet. Ihre Vertraute bleibt die Linie als Schnittstelle zwischen innen und außen, zwischen fühlen und wahrnehmen, zwischen Körper und Gedanke. „Das zeichnerische Beobachten führt zu einer Art Erkenntnis über die Konstitution der Dinge.“

Interviews: Nour Jihène Maziti und Bettina Pelz
Text: Bettina Pelz, 2. Juni 2018

1 _ Paul Valéry: Degas Danse Dessin. Paris 1938. Seite 57f (in Französischer Sprache, Übersetzung: Bettina Pelz)
2 _ Ohne Autor_innen-Angabe: Oberschwäbischer Kunstpreis für Paco Knöller. Schwäbische Zeitung _ online. 16. September 2001. URL https://www.schwaebische.de/home_artikel,-_arid,267490.html 2. Juni 2018
3 _ Alexandra Matzner: Französische Druckgrafik von Manet bis Picasso. Auf: Art in Words. 5. August 2016. URL https://artinwords.de/franzoesische-druckgrafik-coninx/ 2. Juni 2018
4 _ Kunsthaus Bregenz: Louise Bourgeois – Zeichnungen und Skulpturen _ Press Release. 6. Juli bis 2. September 2002. Auf: kunstaspekte.art _ International Exhibition Announcements and Artist Catalogue. URL https://kunstaspekte.art/event/louise-bourgeois-zeichnungen-und-skulpturen-2002-07 2. Juni 2018

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Anna Roas Rupp. LICHTUNGEN Hildesheim 2018. Photo: Sara Foerster.

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