Bettina Pelz: Statt Leinwand: Staub, Stoff, Kubaturen

_ Vom 22. bis 24. März 2018 fand in Köln die erste Edition des internationalen Licht Kunst Projektes COLLUMINA statt. Über den Stadtraum verteilt waren 18 Kunstwerke zu sehen, die alle Licht als Bildmedium und eine Vielzahl von Materialien wie Staub, Glas, Gewebe oder Kubaturen als Bildanzeigen einsetzten. Die Initiative ging vom Haus der Stiftungen aus, die Projektleitung lag bei Ralf Seippel.

Alle drei Arbeiten in der Flexzone der Kunsthochschule für Medien thematisierten das Bedingungsgefüge von Lichtquelle, Lichtraum und Lichtträger. Agustina Andreoletti zeigte eine rot-grün-blau-weiße Lichtprojektion, die sich auf den mäandernden Staubpartikeln im Lichtkegel in mikroskopisch kleine Farbfelder zerlegte. „0.1 mm is the threshold above which the world becomes visible” war der Titel der Installation. Dawid Liftinger und Camilo Sandoval erweiterten einen DLP Projektor um ein kinetisches Konstrukt basierend auf einem Spiegel, der durch einen Motor bewegt wurde. Dieses zerlegte ein weißes, projiziertes Lichtfeld in seine rot-grün-blauen Komponenten und projizierte sie als ein Bewegungsmuster in den Raum. „RGBW“ war der Titel der Installation. Friederich Boells „Dead Pixel“ bestand aus einer Reihung von nicht funktionstüchtigen Smartphone-Screens. Wenn die Bildfläche zu leuchten begann, erschienen je nach Zerstörungsgrad des Bildschirms diverse grafische Formationen in einer gelb-grün-grauen Farbskala. Die Spiegelung im Fenster offenbarte die Rückseite der Smartphone-Anordnung, die sich aus einer Vielzahl metallisch-changierender blauer-violetter-pink-farbiger Oberflächen zusammensetzte. Die analytischen Betrachtung der vielschichtigen Wechselbeziehung zwischen Lichtquelle, Lichtraum und Lichtträger reflektierte und erweiterte das Verständnis von Licht als bildgebendem Material.

Im Museum für Angewandte Kunst [MAKK] waren überwiegend Arbeiten zu sehen, die das Zusammenspiel von Licht- und Bildträgern aus textilen Materialien zeigten. Für die zentrale Halle des Museums entwickelte Christine Sciulli eine Gewebe-Plastik, die von einer Projektion animierter, weißer Linien durchdrungen wurde. Eine Vielzahl von Faltungen führte zu einer unregelmäßigen Oberfläche des Gewebes, die die projizierten geometrischen Linien in eine Vielfalt von Wellenbewegungen übersetzte. Im Zusammenspiel mit dem Fall von Licht- und Schattenmustern in dem semi-transparenten Gewebeschichten entstand eine Bildwelt, die sich mit Feuer und Rauch ebenso wie mit Wasser, Fluss und Wolken assoziieren ließ. „Virtual Effusion“ war der Titel. Annica Cuppetelli und Christobal Mendoza realisierten eine weitere Variante aus der Serie „Notional Field“. In dem Foyer im ersten Stock des MAKK choreografierten sie das Zusammenspiel eines textilen Reliefs und der Projektion seiner digitalen Repräsentation. Die fließenden Farben und Formen der entstehenden Interferenzen erweiterten sie zu einer reaktiven Installation, so dass auch die Bewegungsmuster der Besucher_innen Teil des Bildgeschehens wurden. Auf zwei großformatigen, digitalen Bildschirmen war Sonia Kallels „Tafkik“ zu sehen, eine grafische Musterbildung über einer Dauer von dreieinhalb Stunden. Die weißen Linien auf schwarzem Grund folgten den Bewegungsmustern einer tunesischen Strickerin, während sie die traditionelle Hutbedeckung „Chechia“ herstellt. Der Strickvorgang als performatives Moment wurde auf dem zweiten Screen skizziert. Die Videoarbeit „Icebreaker“ von Diane Landry zeigte die Künstlerin in der Auseinandersetzung mit Geweben, Bahnen und Planen als einer Sisyphos-Aufgabe. Die vier verschiedenen künstlerischen Positionen zerlegen die klassische Leinwand in ihre Bestanteile und befragen sie auf ihre Bedeutung für das Bildgeschehen.

Im Haus der Stiftungen waren Arbeiten zu sehen, die sich mit dem Bildschirm als elektronische Leinwand auseinandersetzten. „Moon Bowls” hieß eine Serie von Objekten von Ken Matsubara, die den Bildschirm als Resonanzraum zeigten. In japanischen Klangschalen waren spiegelnde Oberflächen eingelassen, die die Reflexionszusammenhänge zwischen Raum, Betrachtenden und Bildschirmgeschehen sichtbar machten. Am Straßenrand vor dem Ausstellungsraum war die Intervention von Sophia Bauers aufgebaut. Vom Speermüll hatte Sophia Bauer eine Reihe von alten TV Geräten gesammelt, die sie Anzeigemedium für „Earthrise again“ einsetzte. Das Konzept verweist auf die Zeit als ein Bildschirm noch ein Fernseher war. In den 1960er Jahre wurde das Fernsehen zum Massenmedium und ermöglichte auch, dass 1968 das heute ikonografische Bild „Earthrise“ vom Aufgang der Erde am Horizont des Mondes um die Welt ging. Beide künstlerischen Positionen thematisieren den hinterleuchteten Bildschirm als ikonographischen Bildträger der Gegenwart und zeigten wie das technische Konstrukt den Bildinhalt mitbestimmt.

Am Holzmarkt 1 waren Interventionen zu sehen, die sich alle auf den Ort bezogen und die für COLLUMINA entwickelt und produziert wurden. In der Grünanlage vor dem Gebäudekomplex fand Tilen Sepic eine Formation hoher, alter Bäume, die es ihm ermöglichte eine neue Variante aus seiner Serie „Licht Oszillator“ zu implementieren. In der kinetischen Installation zwischen den Bäumen bewegten sich weiß-leuchtende Kugeln in sich unendlich wiederholendenden Schwingungsmustern. Den Innenhof des mehrgeschossigen Gebäudeblocks nutzten Hartung | Trenz für eine großformatige Architekturprojektion. Die typografische Intervention mit bewegten und nicht-bewegten, schwarz-weißen Textbausteinen hüllte den den Innenhof ein. „Ein Gedanke im Raum“ war das Leitmotiv für das Textmaterial. In der Eingangshalle zu dem lokalen Bauunternehmen stapelten molitor & kuzmin zwei transluzente Gewächshäuser. Im Innern schichteten sie Leuchtstofflampen wie organisches Material zu einer großformatigen Skulptur auf. „upside down“ war der Titel. Die Fassade von St. Maria im Kapitol am Lichhof wurde zur Leinwand für Anna Rosa Rupps grafische Projektionen und die Eingangshalle des Schokoladen-Museums wurde zum audio-visuellen Projektionsgrund für das Zusammenspiel von Kurt Laurenz Theinert am Visual Piano und Lukas Pearse am Bass und Electronics. In den Live-Performances verbanden sich gebauter und projizierter Raum, Farbfelder und Klangbilder zu einem dynamischen Gefüge, in dem sich das eine nicht mehr von dem anderen trennen ließ. Sie alle zeigten wie eine vorgefundene Situation zur Lichtträgerin und Bildentwicklerin von Künstler_innen wird, die orts-gebunden und kontext-spezifisch arbeiten.

Im Haus der Stiftungen waren weitere Arbeiten zu sehen, die sich mit ausgewähltem urbanem Mobiliar auseinandersetzen. In Rafram Chaddads Mixed-Media-Installation „Bab Ma7rouk“ wurde eine traditionelle Haustür zum Brandsatz. Nathan Schönewolf assoziierte Straßenleuchten mit Beleuchtungsanlagen in der industriellen Landwirtschaft. Der Lichtzyklus seiner am Boden liegenden Straßenleuchten verkürzte den Lichtverlauf eines Tages künstlich, um eine höhere Produktivität der imaginierten Stadtbewohner_innen zu provozieren. „Stoff“ war der Titel. Ganz anders der Ansatz von Lia Sáile, sie betrachtete Straßenleuchten als Ikonen des öffentlichen Raums und initiierte einen Austausch von Stadtbild-prägenden Straßenleuchten zwischen Köln und Tunis. Alle drei Kunstwerke zeigen im Besonderen wie auch die Licht-Metapher in ihrer kulturhistorischen Relevanz in der künstlerischen Praxis reflektiert wird.

Die erste Edition von COLLUMINA spiegelte wie sich in der künstlerischen Auseinandersetzung mit physikalischem Licht die Leinwand als Bildträger aufgelöst hat und wie sich das Bild von der analogen Welt verändert, wenn sie mittels Licht zum Bildschirm, Anzeigemedium oder Projektionsgrund wird. Im Zuge der Allgegenwart des hinterleuchteten Bildes folgte COLLUMINA der Spur wie sich die kulturhistorische Bedeutung von Licht als dem Ur-Medium neu erschließen lässt _ ein Thema, das in der Medienstadt Köln gut verortet ist.

PRINT

LICHT 5-6/2018

LINKS

collumina.de