Bettina Pelz: Hinrich Gross im Kunstverein Lüneburg

_ Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung “Helle Leere” mit Werken von Hinrich Gross im Kunstverein Lüneburg am 10. November 2018. „Ich experimentiere viel im Kopf, auch mit Plänen und Fotos, analogen und digitalen Skizzen. Als Architekt kann ich mit Plänen viel anfangen. Im Vorgespräch sagte er, dass er mit so wenig Material wie möglich arbeiten möchte.

Hinrich Gross zeigt Licht, er zeichnet mit ihm und er formt es. Licht _ als Material am Rand des Materiellen _ ist seine Wahl. Im Widerschein des Lichts, moduliert er den Raum, den es durchwandert. Er treibt einen Keil in die Gewohnheit der Wahrnehmung und fragt danach, ob sich das, was wir sehen, auch anders lesen lässt.Seine Arbeit beginnt mit der Betrachtung des Raums: “Ich frage mich, was kann der Raum? Was sind seine Handicaps?“ Vor Ort geht es dann um die Überprüfung. Passt das Gedachte in die gebaute Wirklichkeit?

Vor fünf Jahren _ am 16. November 2013 _ fand die Eröffnung der zwei-teiligen Ausstellung „Scheinwerfer _ Lichtkunst in Deutschland im 21. Jahrhundert“ im Kunstmuseum Celle. Sie zeigte eine breite Auswahl an künstlerischen Positionen, die sich mit Licht als Material der Bildenden Kunst beschäftigten. Sie konzentrierte sich auf deutsche Künstler_innen und zeigte wie sich Licht als Material der Bildenden Kunst in den letzten 100 Jahren ausdifferenziert hat.

Wenn heute von “Lichtkunst” die Rede ist, dann geht es meist um eine Form von Medienkunst. Licht- und Medienkunst sind Kunstformen, die sich auf technische Entwicklungen und deren künstlerische Erkundung beziehen. Nam June Paik, einer der Pioniere der Videokunst, beschrieb 1965 die Faszination künstlerischer Auseinandersetzung mit den neuen technischen Medien: „In meiner Elektro-Vision auf Videoband sieht man sein eigenes Bild nicht nur sofort und findet heraus, was für schlechte Angewohnheiten man hat, sondern sieht sich selbst in zwölf Weisen deformiert, was nur auf elektronische Weise möglich ist.“ Das ästhetische Potential des neuen Mediums wurde zu seiner Motivation und er legte den Grundstein für die „Videokunst“. Analog wurden später die künstlerischen Experimente mit neuen Technologien und Medien wie Fernsehen, Fax und Satellitentechniken als „Medienkunst“ bezeichnet. Die Emphase auf dem Innovativen und Zeitgenössischen der Medien findet sich bis heute in vielen Beschreibungen der zeitgenössischen Kunst wie Foto- und Filmkunst oder Medien-, Computer- und Netzkunst. Als Begriffe vermitteln sie zwischen den integrierten Technologien, deren impliziten ästhetischen Optionen und sie verweisen auf die bildnerischen Spezifika, die Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung sind. Das gilt auch für den Einsatz von physikalischem Licht in der Bildenden Kunst. Im Unterschied zu allen anderen technischen Medien, ist Licht ein natürliches und ein technisches Medium. Es ist das Ur-Medium, das nicht erst mit einer Technik eingeführt wurde, sondern Vorbild für technische Entwicklungen ist. Es ist zugleich das Ur-Medium der Sichtbarkeit. Bei genaurer Betrachtung Licht eine Gefährte aller visuellen Künsten – von den ersten Höhlenzeichnungen über Glas- und Transparenzarbeiten, in Fotografie und Film als lichtzeichnerischen Medien, in Installation und Performance ebenso wie in den selbstleuchtenden Anzeigemedien des 21. Jahrhunderts. Sprechen wir also über Licht in der Bildenden Kunst, dann sprechen wir über physikalisches Licht als Material ebenso wie als Medium der Bildgebung und als Medium der Wahrnehmung. Im 21.Jahrhundert kommt Licht in Zeichnung und Malerei zur Anwendung, ebensowie für Skulptur und Installation, Intervention und Performance, Fotografie und Film.

Eine Vielzahl zeitgenössischer Künstler_innen reflektieren das Zusammenspiel der bildnerischen Eigenschaften des Lichts und der Wahrnehmungssituation der Betrachter_innen. Die Verbindung zwischen Bild und Blick ist zu einem der wesentlichen Parameter der zeitgenössischen Diskussion vom Bildgebung und Bildrezeption geworden. “I like to use light as a material, but my medium is actually perception. I want you to sense yourself sensing – to see yourself seeing.”, beschreibt es James Turrell. Die Kunstbetrachtung, und der Prozess des Sehens werden als schöpferische Akt verstanden. „Von Anfang an war unser Interesse, den ein der anderen Weg zu finden, um näher an die Betrachenden heranzukommen. Wir wollten die Betrachtenden erreichen und sie für die Interaktion gewinnen. Wir wollten eine Beziehung aufbauen“, erinnert sich Julio Le Parc .

Dies hat den Werkbegriff in der Kunst nachhaltig verändert. Kunstwerke werden nicht mehr als objektiv, statisch und unveränderlich begriffen, sondern als Prozesse, die sich im Dialog mit den Betrachtenden entfalten. Und damit verändert sich die auch die Rolle der Betrachtenden von einer passiven zu einer aktiven: Der Standpunkt der Betrachter_innen und ihre Wahrnehmungsprozesse spielen eine wesentliche Rolle in den aktuellen Ausstellungen, die sich Licht als Material der Bildenden Kunst widmen _ und so war es auch in Celle.

Nach der Eröffnung des ersten Teils der Ausstellung „Scheinwerfer“ trafen sich in einer sehr kleinen Weinbar in Celle, Angela Schoop vom Kunstverein Lüneburg, der Künstler Hinrich Gross, ein paar andere und ich. Es entspann sich schöner Abend, an dem nicht nur die Ausstellung diskutiert wurde, sondern auch die Kunst und das Leben. … Und wie immer erwies sich Hinrich Gross als ein aufmerksamer Beobachter und kluger Gesprächspartner. Und wie so oft, sind es diese Gespräche, die das Interesse an der künstlerischen Position wecken und die Lust auf Zusammenarbeit machen. Und wie so oft braucht es etwas Zeit, bis aus einer ersten Idee eine Ausstellung wird.

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen und Hinrich Gross hat sich sehr über die Einladung nach Lüneburg gefreut. Ausstellungseinladungen sind für ihn eine Gelegenheit zu Raumerkundungen. Der Ausstellungsraum, sonst oft nur als Hülle oder als Aufhänger gedacht, wird bei ihm zum Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung. Er betrachtet die Maße und Proportionen, Licht- und Verkehrswege.

Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (5)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (7)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (6)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (3)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (4)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (1)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (1)
Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photo Hans-Jürgen Wege (2)

Hinrich Gross. Kunstverein Lüneburg 2018. Photos: Hans-Jürgen Wege.

Daher ist vielleicht der kleinste Raum in dieser Ausstellung der Interessanteste zum Einstieg. Auf dem langen Tisch in der Mitte finden Sie eine Reihe von leuchtenden Diaprojektoren. Bitte verrücken Sie sich und folgen Sie mit Ihrem Blick dem Lichtstrahl. Beobachten Sie, was sich verändert. Finden Sie heraus, was passiert, wenn sich Weißflächen addieren und wie sich Perspektiven verschieben lassen. Und bitte teilen Sie Ihre Experimente mit dem Künstler. Sie finden dort seine Email-Adresse, damit Sie ihm schreiben können .

Vielleicht erschließt sich Ihnen schon im Experimentieren, warum Hinrich Gross die Lüneburger Ausstellung mit „Tektonik“ überschrieben hat. Der Begriff Tektonik ist aus dem Griechischen abgeleitet „tektonikós“ und wird übersetzt als „die Baukunst betreffend“. Andererseits bezeichnet Tektonik den Aufbau der Erdkruste und die geodynamischen Bewegungen, insbesondere die Verschiebung der Kontinentalplatten und ihre Auswirkungen. Die Diaprojektoren zeugen Weißflächen auf den Wänden, sie erscheinen als geometrische Flächen, die sich im Zusammenspiel der Geometrie des Lichtstrahls und der Geometrie des Raumes ausbilden. Hinrich Gross fordert Sie auf mit diesen Flächen zu experimentieren und sie im Raum zu verschieben. Die Diaprojektoren sind seine Lichtquellen. Sie projizieren weißes Licht. Was für den Raum gilt, gilt auch für die Lichtquellen. Gewöhnlich sind sie nur ein Werkzeug um ein Bild zu zeigen, bei Hinrich Gross geht es jedoch nur um das Licht, dass sie ausgeben. Seine Arbeiten sind konkrete Kunst, sie sind weder Bild noch Metapher, sondern Erkundungen des Sichtbaren.

Die künstlerische Arbeit von Hinrich Gross speist sich aus seinem Wissen um die Architektur, aus (licht-)technischem Interesse und aus der Vertrautheit mit den historischen Positionen in der künstlerischen Auseinandersetzung mit physikalischem Licht. Seine Aufbauten sind Requisiten, mit denen er das Verhältnis von Lichtquelle und Wahrnehmungsort austariert. Er sagt, „… mich faszinieren Arbeiten wie die von Kitty Kraus in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. In der Ausstellung, die 2013 stattfand, zeigte Kitty Kraus ein Ausstellungspodest, das mit einer dunkel-eingefärbten Glasplatte abgedeckt war. Zwischen dem Holzsockel und der Abdeckung war eine Lichtfuge angelegt, aus der Licht drang. Diese projizierte eine umlaufende Schattenlinie in den Raum.“ Das Ausstellungsmobiliar, das im Ausstellungsbetrieb als unsichtbar gedacht wird, wurde zum Material der Kunst.

Hinrich Gross hat Architektur und Malerei studiert. Im Laufe seines Studiums hat er sich intensiv mit Farbe und Pigment auseinandergesetzt. In der Malerei interessierten ihn Positionen wie Barnett Newmann und Marc Rothko mit ihren Farbflächen und -schichtungen, „Farbbegegnungen“ nennt er es. Je länger er sich damit beschäftigte, desto unübersichtlicher wurde es für ihn. „Bis heute ist es so _ schon bei zwei Farben wird es für mich unübersichtlich für mich“_ sagte er im Vorgespräch.

Der ungarischen Künstler Ákos Birkás, der im Juni 2018 gestorben ist, unterstützte ihn im Prozess des Weglassens. So bildete sich im Laufe seiner künstlerischen Praxis eine zentrale Fragestellung heraus, die seine Arbeitsweise bis heute prägt: „Wie wenig Entscheidungen brauche ich um ein Gemälde zu machen? Wie weit kann die Reduktion gehen? Können sich die Bilder selber malen?“ Er hat kinetische Situationen entwickelt, in denen er Diaprojektoren, Mobiles und Filter kombinierte _ so wie auch Lásló Moholy-Nagy mit seinem Licht-Raum-Modulator zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Später integrierte er auch Videoloops. Es entstanden begehbare Bildräume, die er immer weiter reduzierte. Heute stehen wir vor scheinbar leeren Räumen, in denen nur noch Spiel von Kubatur, Licht und Lichtquelle als Kompositionsmaterial zugelassen ist.

Für “Tektonik 1″, hier in dem größten Raum, interessierte ihn der Fußboden. Nur der bietet den Weiss- und Freiraum, den er für seine Arbeitsweise benötigt. Er benutzt ein Amateurvideo, dessen Inhalte nur in Restbeständen zu erkennen sind. Im Vordergrund stehen das Zusammenspiel von Licht und Kamerabewegungen. In der Applikation im Raum entsteht eine neuer Wahrnehmungszusammenhang. Zu dieser Intervention hat er die Künstlerin Sylvia Schultes eingeladen. Sie hat eine Audio-Komposition entwickelt, die sich auf die gemeinsame Raumerkundung bezieht, jedoch nicht auf das visuelle Material, das Hinrich nutzt. Sie sehen und hören eine audiovisuelle Kooperation, die wie ein Quodlibet angelegt ist: Durch die räumliche und zeitliche Nähe kommen sie miteinander in Spiel. „Wir sprechen viel miteinander, setzen die Dinge aber anders um und folgt einer eigenen Interpretation. In unseren gemeinsamen Arbeiten teilen unseren künstlerischen Dialog mit unserem Publikum.”, erkläre Syliva Schulte.

Ich möchte den Kunstverein Lüneburg beglückwünschen zu dieser Ausstellung. Es ist eine kleine Ausstellung und doch erfüllt sie die vielen Kriterien, die auch mir als Kuratorin wichtig sind. Ich lese zur Zeit Texte des Philosophen Marcus Steinweg und er schreibt über die Kunst: “Kunst muss eine Differenz zur Tatsachentextur erfassen”, d.h. das Kunstwerk muss etwas Orten oder Beschreiben, das über das, was „Tatsachen“ sind und wozu es Prüfungen und Belege gibt, hinaus reicht. Diese Ausstellung ist eine seh schöne Einladung in das Noch-nicht-gesehene und Noch-nicht-verstandene. Und Marcus Steinweg fordert auch, dass jedes Kunstwerk, den Begriff von Kunst neu konturieren muss. Aus meiner Sicht gelingt Hinrich Gross hier im Kunstverein Lüneburg beides.

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