Für zeitgenössische bildende Künstler_innen bietet sich Licht als Material, Medium oder Metapher an, wenn sie sich mit Räumlichkeit, Zeitlichkeit und Veränderlichkeit befassen. Christoph Dahlhausen ist einer von ihnen, er gehört zu denen, die das Zusammenspiel von Licht, Blick und Bild reorganisieren.

Handelsübliche Leuchtstoffröhren, Linsen und Filter mit ihren genormten Dimensionen und Farben sind sein künstlerisches Material. Er verbindet allgegenwärtige Gegenstände, materielle Präzision und intellektuelles Kalkül zu einem künstlerischen Konstrukt, das Aufmerksamkeit und Tiefenschärfe in Betrachtung und Wahrnehmung einfordert. In seinen Arbeiten erzeugt er eine Spannung, die zwischen technischer Hardware und luminösem Schein, zwischen Bild und Blick pulsiert und die die Konturen von Werk, Raum und Betrachtung miteinander verwebt. Die Grenzverläufe von Material, Licht und Augenschein sind so angelegt, dass sie die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit unterlaufen und dass sie den Übergang von einem in das andere Medium fugenlos erscheinen lassen.

Dan Flavin, der in den frühen 1960er Jahren begann mit Leuchtstoff zu arbeiten und eine wegweisende künstlerische Position entwickelt hat, führte den Begriff „image-object“ ein, um die Gleichzeitigkeit des Bild- und Objekthaften seiner Werke zu beschreiben. Mit der „diagonale of personal ecstasy, 25.5.9163“ machte Flavin die Leuchtstofflampe zum Material der Kunst. Wie Flavin kam auch Christoph Dahlhausen von der Malerei. Vor 25 Jahren legt er den Pinsel zur Seite, weil ihn der Schatten, den die Leinwand im Sonnenlicht hervorrief, mehr interessierte als das Bildgeschehen auf der Leinwand. Er konzentrierte sich auf das Zusammenspiel von Lichtführung und Objekt sowie auf Farb- und Schattenphänomene. Und er begann mit chemischen Lichtemissionen, optischen Phänomenen und den bildgebenden Eigenschaften von Leuchtstoff und LED Lampen zu experimentieren. Heute entwickelt er Kompositionen, die physikalisches Licht und technisches Material, einen konkreten Raum und eine bestimmte Zeit, eine spezifische Lichtsituation und einen ausgewählten Reflexionsrahmen, einen Moment und seine Betrachtung, zu einem Bildwerk verweben. In dieser Ausstellung sehen Sie eine Art Forschungsergebnis der letzten 25 Jahre, die sich auf die künstlerische Auseinandersetzung mit physikalischem Licht bezieht. Sie sehen Linsen und Farben, Leuchtstofflampen und Farbflächen, Gerüstgestänge und Schattenzeichnungen, komponiert und arrangiert in geometrischen Formen. Sie sind als Bildräume gedacht, die sich im Blick der Betrachtenden vervollständigen.

Daniel Buren, 1938 geboren in Boulogne-Billancourt bei Paris, ist französischer Maler und Bildhauer und gilt als Vertreter der analytischen Malerei und der Konzeptkunst. Zur Monumenta 2012 im Grand Palais in Paris ließ er 377 farbige Folien in Kreisform über den Köpfen der Besucher_innen aufspannen. Er sagte: „… (Ich) hatte … sofort die Idee, mit Licht zu arbeiten. Mit Licht und mit Luft. Ich wollte die Sensation des Volumens an Luft sichtbar, oder sagen wir: erfahrbar machen, dass sich in diesem riesigen Raum befindet und dass man normalerweise nicht so stark wahrnimmt, da das Gebäude ja selten ganz leer steht. Deshalb wird zwischen 2,50 und 45 Metern Höhe nichts berührt.“ _ 1. Dieser Bildraum interessiert auch Christoph Dahlhausen. Er denkt ausschließlich in Zusammenhängen, die einander bedingen, sich gegenseitig beeinflussen und verändern. Seine Form von Abstraktion bezieht sich nicht auf das vereinzelbare Objekt und nicht auf Farbe, die nur auf sich selbst verweist. Er konzentriert sich auf die Aspekte, in denen das dynamische Wechselspiel, das Realität heißt, sich offenbart. Licht in seiner Unentschiedenheit als Teilchen und als Welle eignet sich dafür in besonderer Art und Weise. Dass es visuell nur wahrnehmbar ist, wo es ein Wechselspiel mit der Umgebung eingeht, macht es zum bevorzugten Material seiner künstlerischen Praxis, wie sie uns in dieser Ausstellung vorgestellt wird.

Dies gilt auch für Farbe. Er bezieht sich auf Farbe als Ausdruck des Lichts. Für ihn ist Farbe ist nicht ein autonomes System, sondern ein Lichtphänomen. Sie ist ein Indikator von Lichtqualitäten – der Farbtemperatur, dem Frequenzspektrum und der Farbwiedergabe-Eigenschaften. Er arbeitet mit den vielen Farbtönen, die sich in dem Zusammenspiel von Licht, Raum und Material einstellen. „Mein Denken ist eine Art Super-Struktur, die einer Infra-Struktur, dem Werk selbst als materiellen Gegenstand, auferlegt ist.“ _ 2 Dieser Satz könnte auch von Christoph Dahlhausen stammen, aber er ist von Viktor Vasarely. „Mein Gestaltungsprozess ist zunächst rein intellektueller Art. Ich glaube meine Bilder sind mit dem Gehirn geschaffen, sie entstehen aus der Verarbeitung einer gewissen Summe von Kenntnissen. … Dann aber wird etwas Anderes wirksam; die Formen und die Farben, die die Komposition bestimmenden und gemeinsam geschaffenen Elemente, beginnen ihr Eigenleben zu führen und üben eine Wirkung aus, die sich nicht mehr allein an den Intellekt wendet. … zwischen dem Schöpfer und seinem Werk entsteht ein Dialog.“ _ 3, beschreibt Viktor Vasarely den künstlerischen Prozess in einem Interview mit Jean-Louis Ferrier aus 1971. Auch für Dahlhausen beginnt die künstlerische Auseinandersetzung mit Denkbewegungen. Er setzt sie in ein Instrumentarium Luminosum um, das eine unendliche Vielzahl an Eindrücken und Erfahrungen ermöglicht.

Obwohl scheinbar statisch, betrachtet Dahlhausen seine Arbeiten als Performativ, das sich im Zusammenspiel mit der Licht- und der Wahrnehmungssituation ausbildet und kontinuierlich verändert. „… ich kann mir nicht länger eine innere Welt und eine andere, davon getrennte, äußere Welt vorstellen. Außen und innen stehen durch Osmose miteinander in Verbindung. Von einer einzigen, wirbelnd bewegten Mitte aus differenzieren sich die Dinge und die Geschöpfe und auch die Menschen selbst, einmal in Form von Materie, dann wieder in Wellenform …“ _ 4. Auch dieses Zitat von Viktor Vasarely und könnte zugleich die Arbeiten von Christoph Dahlhausen beschreiben. Für ihn ist die künstlerische Auseinandersetzung eine Form, der Welt, in der wir leben, auf die Spur zu kommen. Dahlhausen definiert nicht, sondern er entwickelt Konstrukte, an dem sich Wahrnehmung und Intellekt gleichermaßen schärfen lassen.

In der aktuellen Forschung zu Licht in der bildenden Kunst gibt es verschiedene Schwerpunkte, darunter einen, der sich auf die letzten 100 Jahre seit der allgemeinen Einführung des elektrischen Lichts bezieht oder einen, der sich auf die Fotografie, Film und die digitalen Medien bezieht, die alle Licht als Bild-gebendes Medium nutzen. Erst langsam erweitert sich die Blickwinkel der Kurator_innen, Kunstkritiker_innen und Kunstwissenschaftler_innen und folgt der vielfältigen künstlerischen Praxis in der Gegenwart, die das Zusammenspiel von Licht und Licht-Reagenzien ausloten. Dazu gehören auch die Lichtspiele, die im Zusammenspiel mit Glas und transparenten Materialien entstehen, und die schon für die antiken Hochkulturen vor 1000enden von Jahren von großer Bedeutung waren. Noch weiter zurück reicht der analytische Blick bis zu den ersten Zeichnungen in Höhlen von vor 10.000enden von Jahren, die erst entstanden, nachdem man mobiles Licht mit Hilfe fossiler Brennstoffe in die Höhlen tragen konnte. Ein Seitenblick gilt auch den philosophischen Aspekten, die sich mit den vielen Metaphern des Lichts einstellen. So führte der Philosoph Platon in seinem antiken Sonnengleichnis aus, dass sich der Gesichtssinn vom Gehör und den anderen Sinnen dadurch unterscheidet, dass er mit seinen Objekten nicht im unmittelbaren Kontakt ist, sondern eines Mediums, dem des Lichts, bedarf. Und wie im Bereich des Sichtbaren die Sonne als Quelle des Lichts die alles beherrschende Macht sei, so sei in der geistigen Welt das Gute die Quelle von Wahrheit und Wissen. Bis heute leistet die Lichtmetapher der Metaphysik gute Dienste, wenn es darum geht, gegenständlich nicht mehr Fassbaren eine Referenz oder einen Verweis anzubieten. In der künstlerischen Praxis von Christoph Dahlhausen sind all diese Aspekte miteinander im Spiel _ das Licht und seine Reagenzien, die Wahrnehmung und die medialen Verformungen, das Denken und seine Übersetzung in die sichtbare Dimension. Er choreografiert das Sichtbare, Fassbare und Denkbare in Versuchsanordnungen, die Zutritt zum Jenseits des Schon-Bekannten und Schon-Vertrauten gewähren.

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG

Kunstmuseum Ahlen, 21. Mai 2017.

QUELLEN

1 _ Johanna Adorjan: Daniel Buren in Paris – Karierter Himmel. FAZ Online 20.5.2015. URL http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/daniel-buren-in-paris-karierter-himmel-11749229.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 12.5.2017.
2 _ Ferrier, Jean-Louis: Gespräche mit Viktor Vasarely. Spiegelschrift 8. Galerie der Spiegel Köln 1971. Seite 6-7.
3 _ Jean-Louis Ferrier: Gespräche mit Viktor Vasarely. Spiegelschrift 8. Galerie der Spiegel Köln 1971. Seite 6-7.
4 _ Jean-Louis Ferrier: Gespräche mit Viktor Vasarely. Spiegelschrift 8. Galerie der Spiegel Köln 1971. Seite 3.

LINKS

christoph-dahlhausen.de
kunstmuseum-ahlen.de
artlight-magazine.com/showroom/dahlhausen

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